Warum ich jungen Talents von Animes abrate

Liebe Leser:innen!

Kürzlich wurde ich bei einem Q&A gefragt, welchen Tipp ich angehenden Sprecher:innen mit auf den Weg geben würde.

Meine Antwort war eine Warnung vor der “Anime-Bubble”, die ich dafür kritisiere, dass sie junge und unerfahrene Sprecher:innen in eine Subkultur des sozialen Drucks, der Grüppchenbildung, Hetze und Beleidigung einspannt und ihnen falsche Werte sowie ein verzerrtes Bild der Synchronbranche vermittelt.

Mein Meinungsbeitrag hat zu Hasspostings derer, die sich – zurecht – gemeint fühlten, im Netz geführt. Eben jene koordinierte Hetze, die ich kritisierte und jetzt den Beweis gegen such sekbst antritt. Vielen Dank, dass ihr die Richtigkeit meines Beitrags bewiesen habt.

Da ich eine handvoll aufrichtiger Antworten und Bitten um Erläuterung erhielt, möchte ich in diesem Format noch einmal darauf eingehen und deutlich machen, warum ich jungen Talents von der Anime-Bubble abrate.

Deutschland ist kein Land, wo ultra krass viel Animes geguckt werden. Die Zielgruppe ist eher nischig und deswegen stehen hinter den Sychronfassungen, die wir hier haben, keine “reichen” Lizenznehmer wie Produktionsfirmen oder Fernsehsender. Klar gibt es große Animes wie One Piece oder Detektiv Conan, die eine ProSieben-Tochter vor ein paar Jahren gekauft hat, aber speziell diese Brands sind groß, die laufen seit 20 Jahren und haben hier eine Fanbase. Niemals würde ein Sender einen kleinen, nischigen Anime für das Hauptprogramm einkaufen. Neue Animes sind Liebhaberstücke.

Es gibt einige Selbstständige, die sich mit einem Gründerkredit ein kleines, kurzlebiges Studio abseits der Synchronmetropolen aufbauen und kleine Verlage die sich Lizenzen unbekannter Animes einkaufen und eine deutsche Fassung als DVD auf den Markt bringen. Das sind dann sogenannte Direct-to-DVD-Produktionen, die also nie für das Fernsehen gedacht waren und ihr Geld dadurch einmehmen, dass Liebhaber:innen sich zielgerichtet dieses Produkt kaufen. Ähnlich ist es mit den Video-on-Demand-Produktionen, die exklusiv bei einem Streamingdienst landen.

In den meisten Fällen sprechen wir so oder so von Indie-Studios, die kein großes Portfolio haben, mit sehr wenig Budget arbeiten und meistens auch relativ schnell wieder verschwinden.Viele Erwachsene – beziehungsweise etablierte – Sprecher:innen sagen, dass sie nicht bei Animes mitmachen möchten, weil diese eher kindlich anmuten und einen für unsere Gefilde schrillen und chaotischen Klang haben. Obwohl ich persönlich den Spielstil von Animes mag, verstehe ich voll, dass Leute der Generation meiner Eltern zum Beispiel massiv überfordert damit sind. Und ich kann nachvollziehen, dass etablierte Schauspieler:innen eher die komplexen, lukrativen und reichweitenstarken Arbeiten wie zum Beispiel die Synchronisation von Spielfilmen mit realen Menschen bevorzugen.

Bei Animes fühlt man sich als etablierter Künstler oder Künstlerin womöglich ein bisschen unterfordert. Und für hauptberuflich Sprechende steckt in Animes aus Indie-Studios kein Geld drin, was man als Selbstständige:r braucht, um davon zu leben.

Geld ist der zentrale Grund, warum die kleinen Lizenznehmer auf unbekannte Sprecher:innen setzen. Denn wer nicht vom Synchronsprechen leben muss, also noch einen Brotjob hat oder zur Schule geht, akzeptiert auch kleinere Gagen und hält das Rollenangebot womöglich noch für eine großartige Investition in die Zukunft.

Aus diesem Umstand finden interessierte Laien mit Anime-Affinität wie Fandubber, VTuber, E-Girls, UwU-Mädchen und Discord-Kittens, die eine typische Anime-Piepsestimme für sich kultiviert haben, ihren Weg in die Casts.

Bis hierhin ist das alles legit – das kann man alles so machen und da ist nichts falsch oder verwerflich dran!

Problematisch wird es meiner Meinung und Erfahrung nach, wenn die Persönlichkeiten der Fandubber, VTuber, E-Girls, UwU-Mädchen und Discord-Kittens in diesen Produktionen aufeinandertreffen. Diese Akkumulation nenne ich ab hier die “Anime-Bubble”.

Als Anime-Fans ist das für sie eine große Sache, das erste Mal in einem Studio zu sein. Es ist das schönste auf der Welt und macht gleichzeitig eine riesen Angst. Angst, Fehler zu machen, nicht gut genug zu sein und vielleicht nicht nur die erste, sondern auch die letzte Rolle jemals gesprochen zu haben. Jetzt kommt es komplett drauf an!

Verständlicherweise sind sie in der Situation verunsichert und suchen händeringend irgendwen, an dem sie sich orientieren können. Das Studiopersonal scheidet aus, denn junge Sprecher:innen fühlen bei ihrer ersten Rolle womöglich eine natürliche Distanz zu den professionell wirkenden Mitarbeitenden.

Deshalb vernetzt sich die Anime-Bubble untereinander, was einerseits positiv ist, da sie einander bekräftigen, aber andererseits auch negativ, weil sie sich in allem bekräftigen, unabhängig davon, ob es was gutes oder schlechtes ist. Sie rennen kollektiv mit voll Karacho gegen eine Wand weil diejenigen, mit denen sie sich aus Unsicherheit vernetzen, genauso unsicher sind wie sie selbst. Alle geben vor, in der Gemeinschaft ihre Unsicherheiten überwunden zu haben – dabei leugnen sie sie bloß und machen mit der Menschenstärke einer Gruppe denselben infantilen Quatsch wie zuvor alleine.

Ich persönlich sehe das so, dass man eine gewisse soziale Verantwortung hat, wenn man speziell unerfahrene Sprecher:innen in das Team holt. Auch wenn man Studiomitarbeitende:r ist. Ja, per Jobdefinition kann es einem egal sein und es gehört nicht zu den inherenten Aufgaben sich um die emotionale und psychische Aufgeräumtheit des Casts zu sorgen. Doch sollte jedem Menschen klar sein, dass wenn man Fandubber, VTuber, E-Girls, UwU-Mädchen und Discord-Kittens beschäftigt, soziale Defizite verschiedener Art und Ausprägung aufeinandertreffen, die Konfliktpotenzial bergen können.

Ich bin der persönlichen Überzeugung, dass die Verantwortung in so einem Fall nicht am Studiofenster endet, sondern ein professioneller, erwachsener Umgang mit jungen Talents auch heißt, ansprechbar zu sein und offen über Unsicherheiten zu sprechen. Nicht zuletzt, damit keine sich verselbstständigen Parallelgesellschaften im Cast entstehen. Natürlich kann ich meine Maxime nicht von jedem abverlangen! Und die Sprecher:innen haben kein Recht auf diese Fürsorge und die Studiomitarbeitenden nicht die Pflicht dazu!

Ich persönlich finde das einfach schön und richtig und deswegen lebe ich das. Und damit bin ich immer gut gefahren in der Nachwuchsförderung.

Als nächstes möchte ich den Einfluss wiederkehrender Sprecher:innen auf die Anime-Bubble einordnen. Immer, wenn ich mit Kolleg:innen über diese Menschen spreche, nenne ich die scherzhaft “Queen B” wie eine Bienenkönigin. Ein Meme deutete die Abkürzung mal als “Queen Bitch”, also „Oberzicke“, weil die Bienenkönigin ihr Volk herumkommandiere und selbst nichts leiste. Ich fand das einen kurzen und knackigen Begriff den ich ab hier verwenden möchte.

Eine Queen B meint eine/n Sprecher:in aus der Anime-Bubble, der oder die schon mehrmals Rollen gesprochen hat und im Gegensatz zu den verunsicherten Fandubbern, VTubern, E-Girls, UwU-Mädchen und Discord-Kittens über ein gewisses Selbstverständnis und sicheres Auftreten verfügt.

Aus der Sicht der Anime-Bubble wirkt eine Queen B wie jemand, die es geschafft hat. Dazu noch jemand aus den eigenen Reihen, mit denselben Startbedingungen wie man selbst – also ein Vorbild! Die jungen Sprecher:innen, die in ihrer Unsicherheit ohnehin auf der Suche nach Orientierung sind, idealisieren die bestimmt auftretende Queen B und halten sich an sie. “Alles was sie macht, muss richtig sein. Immerhin wurde sie ja schon mehrfach gebucht”, so der zu kurze Gedanke.

Daraus erwächst die Konstellation einer Queen B im Zentrum eines Pulks der Anime-Bubble und es entsteht ein “Bienenschwarm”. Das genießt die Queen B. Das bedeutet nämlich Bewunderung und Anerkennung, die extrem wohltuend ist, wenn man bedenkt, dass die Queen B auch mal ein ängstlicher Minion der Anime-Bubble war.

In ihrem Selbstverständnis ist die beschriebene Symbiose der Anime-Bubble und der Queen B eine Freundschaft. Die jungen Talents fühlen sich durch die Führung der Queen B als Teil einer Community und damit als Individuum weniger unsicher und die Queen B erfreut sich an ihrer zentralen Rolle in der Community.

Würde es dort aufhören, könnte sich niemand daran stören – das wäre nur gut und absolut wünschenswert!

Problematisch ist, dass die vorgeblichen Freundschaften zwischen der Queen B und ihrer Community, sowie der Anime-Bubble untereinander, sehr fragile Zweckbeziehungen sind. Denn obwohl die Unsicherheiten in der Gemeinschaft heruntergespielt werden, fühlt der/die Einzelne sie noch stark in sich.

Es stehen gegeneinander der Gedanke einer Community und die Angst, dass jede:r, auch Konkurrenz ist und einem die nächste Rolle “klaut”. Man fürchtet, auszuscheiden, wenn das Momentum weg ist oder die Gunst der Gruppe.

Deshalb hat jede Person in der Anime-Bubble hintergründig das Ziel, sich selbst vor der Queen B zu profilieren und andere in der Community auszustechen. Gleichzeitig wissen sie auch, dass sie selbst das Ziel anderer aus der Community sind, die ihrerseits wiederum auch die anderen ausstechen wollen und es beginnt ein Kampf hinter vorgehaltener Hand. Es gibt Grüppchenbildung, Lästereien, Lügen, Verleumdung, Mobbing, vorgespielte Beziehungen, Fake-Accounts und Shitposts und die Community, die von außen so groß und mächtig wirkt, ist im inneren ein brennendes Schlachtfeld.

Die Queen Bs nutzen ihre Stellung innerhalb der Anime-Bubble und hetzen ihre Follower auf Kritiker:innen und Andersdenkende. Wer nicht mitmacht, verliert die Gunst der Queen B und muss um die nächste Rolle fürchten. Wer hingegen mitmacht, darf dabei bleiben. Und wer besonders krass oder viel hasst und beleidigt, sticht aus der Menge heraus und wird von der Queen B besonders anerkannt.

Jede:r aus der Anime-Bubble leugnet diese Verhältnisse, so lange er oder sie davon profitiert, wie es läuft. “Nein, wir verstehen uns super, sind voll lieb und unterstützen uns.” Gegenstimmen hört man nur von Aussteiger:innen aus der Anime-Bubble die danach selbst zum Ziel ihrer ehemaligen “Freund:innen” wurden und Profisprecher:innen die für eine einzelne Produktion mal Berührungspunkte mit ihnen hatten.

Den “einen großen Aufschrei”, den gab es nicht. Dafür ist die Anime-Bubble viel zu egal: Für die Anime-Bubble ist die Anime-Bubble eine riesengroße Sache und der Mittelpunkt der Welt. Und eine Queen B denkt, sie stünde auf der Spitze dieses Bergs. Warum sich so wenige um diesen Berg scheren, ist, weil er bloß ein kleiner Hügel ist, der neben dem eigentlichen Berg, der Synchronbranche, steht.

Wir erinnern uns: Animes sind in Deutschland niedrigst budgetiert und richten sich an junge Sprecher:innen ohne erforderliche Ausbildung, die nicht von der niedrigen Gage abhängig sind. Man wird in diesem Bereich also keinen einzigen Profi treffen, keine ordentlich ausgebildeten Darstellenden, keine hauptberuflichen Schauspielenden und vor allem niemanden, der sein oder ihr Leben von der Kunst bestreitet. Und damit einher geht, dass man in der Anime-Bubble niemals eine gefestigte, reife Persönlichkeit und kein Vorbild treffen können wird. Eine Queen B ist das beste, was die Anime-Bubble kennt, aber nicht das beste, was es im Synchron gibt.

Während die Anime-Bubble metaphorisch gesprochen auf ihrem Hügel sitzt und sich die Augen zuhält, ragt neben ihnen einen riesiger Berg in die Höhe aus professionellen Schauspielenden, Technischen Mitarbeitenden und Regien die an den wahren Produktionen arbeiten und ein wertschätzendes, kollegiales Miteinander pflegen. Und dass sie das niemals sehen werden, und denken – beziehungsweise denken WOLLEN – ihr Hügel sei das non-plus-ultra, und sie das Verhalten der Anime-Bubble akzeptieren, ist furchtbar toxisch.

Ich möchte mit einem persönlichen Anknüpfungspunkt enden:

Ich engagiere mich in der Nachwuchsförderung; Deshalb ist es mir nicht egal. Täte ich einfach nur meinen Job auf dem Berg, könnte es mir nicht egaler sein. Aber ich will auf den Hügel schauen, weil ich die Hoffnung und das Ideal habe, vielleicht helfen zu können. Und wenn ich nur eine:n inspirieren kann, rüber auf den Berg zu hüpfen ist schon viel gewonnen.

Leider ist das ein schweres Unterfangen, denn zum einen hat die Anime-Bubble eine solide Schale darin, dass ihre Mitläufer so stark eingeschworen sind, zum anderen ist die Anime-Bubble für junge Menschen viel verlockender als die Synchronbranche: “Du brauchst keine Ausbildung! Pack deine UwU-Stimme aus und lebe deinen Traum” klingt viel verlockender als “Das ist harte Arbeit und wenn du dich jetzt voll rein hängst hast du in 2 Jahren deine erste Rolle” – Sofortige Befriedigung gegen eine Investition in nachhaltigen Erfolg. Da macht es Sinn, dass gerade junge Sprecher:innen die objektiv falsche Wahl für ersteres treffen.

Können Sie machen, könnte uns allen egal sein – wenn der Preis der Anime-Bubble nur nicht der Hass wäre.

Audio eines Kollegen

Liebe Leser:innen,

Kurz nach der Veröffentlichung dieses Blogartikels hat mich ein bekannter Sprecher, der namentlich nicht auftauchen möchte, auf WhatsApp angeschrieben. Oder viel mehr: er hat eine Reihe von Sprachnachrichten gesendet und war ganz fasziniert davon. Er selbst war vor kurzem auf die Anime-Bubble aufmerksam geworden und hat dank diesem Beitrag seine “losen Fäden” in einen Zusammenhang bringen können. Dabei hat er so schlaue Sachen in so präzisen Worten gesagt, dass ich sie hier mit euch teilen will:

Das sind im Prinzip, wenn du sie dir anguckst, alles junge, schüchterne Menschen, die sich in eine Nische begeben und sich dort in ihrem geglaubten Wissen ausleben. Dadurch, dass die Synchronbranche ein “Hinterstübchen-Job” ist, wo man zwar seine Stimme preisgibt, aber nicht die eigene Person, ist es für solche Menschen natürlich einladend, sich dort auszuleben. Wenn du schon damals in der Schule immer untergebuttert wurdest, der Nerd warst oder die Streberin, dann entwickelt sich irgendwann eine depressive Persönlichkeit. Und jetzt bist du auf einmal – gefühlt – so eine “wichtige Person” und die anderen Kinder auf dem Schulhof reden über dich. Da fühlst du dich schon besser.

Es sind schüchterne, Nischenbegeisterte mit sozialer Isolationserfahrung, die aus ihrem Versteck in eine Scheingemeinschaft eintreten, und dort unter Gleichgesinnten eine Bestätigung ihres bisherigen Verhaltens finden. Dadurch haben sie keinen Anreiz, sich weiterzuentwickeln, sondern agieren stattdessen als Kollektiv für eine selbstgerechte Sache.

Durch die Summe dieser Eigenschaften und dadurch, dass alle ähnlich gepolt sind, neigen sie dazu, einander zu bekräftigen, auch wenn sie falsch liegen. Daraus entwickelt sich eine Gruppe, die vor außenstehenden, nicht gleichdenkenden oder affinen Menschen resistent ist. Es bildet sich eine abgeschottete Community mit parasitären Zügen, in der die Mitläufer von gegenseitiger Bestätigung abhängig werden und als Individuum verblassen. Heutzutage sagen ja alle, dass so etwas wie ein „Führer“, nicht mehr passieren könnte. Dass sich in einer Gruppe nicht eine Person herausstellen und Machtspiele spielen könnte. Aber die Anime-Bubble erinnert mich an den Roman “Die Welle”.

Warum entwickelt sich in solch einer Bubble gegenüber Kritikern und Aussteigern eine solche Aggressivität, wie man sie in den Hetzkampagnen sieht? Weil die Probleme, die die Individuen haben, von ihrem jeweiligen sozialen Umfeld nicht wahrgenommen werden und sie sich deshalb in die Arme dieser toxischen Bubble flüchten, wo man die Probleme zwar auch nicht löst, aber wenigstens ernstnimmt, weil alle die gleichen haben.

So wie Kinder beim ersten Schwarm, dem ersten Kuss, dem ersten Korb – das ist für uns Erwachsene ein Fall für “Schwamm drüber“, aber als Kind zerbrichst du daran, wenn du mit deinen neuen Gefühlen nirgendwo hin kannst. Wir werten das zwar gerne ab, weil wir als Erwachsene das gewohnt sind, aber wenn wir akzeptieren, dass deren Probleme in Relation genauso groß sind wie unsere, fühlen sich auch junge Menschen von uns akzeptiert und abgeholt und brauchen keine Bubble und keine Queen Bs.

Dann können die bei uns mitmachen und lernen, wie Synchron richtig geht.

Ende.

P.S.: Ich freue mich jetzt schon auf den garantierten Shitstorm, der aus der Anime-Bubble kommen wird, mit all seinen bunten Beleidigungen und dem üblichen “Wer ist schon dieser Jan!?”. Stellen wir gemeinsam die Uhren danach, dass diese Nasen sich selbst exposen.

Wie es zu zeigen galt

Liebe Leser:innen,

Vor wenigen Tagen veröffentlichte ich diesen Meinungsbeitrag über die „Anime-Bubble“. Die erste Reaktion darauf kam von einem bekannten Sprecher, der mir beipflichte und seinerseits den Beitrag noch ergänzte.

Die folgenden Reaktionen kamen aus der Anime-Bubble selbst. Obwohl keine Namen genannt wurden, fühlten sich einige Akteur:innen angesprochen und reagierten mit Hass und Hetze im Netz, schrieben Nachrichten, machten Stress, riefen nit unterdrückter Nummer an. Das bestätigt das im Beitrag beschriebene Verhalten und zeigt, dass die Akteur:innen sich ihres Verhaltens bewusst sind und sich darin wiedererkennen.

Mich verletzt das nicht mehr. Die Anime-Bubble bespricht mich als unliebsamen Kritiker schon länger und dichtete mir in der Vergangenheit so einiges an, wofür sich eine handvoll Akteur:innen derzeit vor der Polizei verantworten müssen – Doch der eingangs erwähnte Sprecher-Kollege, der weiters anonym bleiben möchte, war fasziniert von den jungen Kolleg:innen.

Ich fand, was er gesagt hat, so gut und präzise, besser als ich es je formulieren könnte, dass ich ihn weiter zitieren möchte. Und ein paar neue Gedanken waren da auch bei, die ich anregend fand. Der nächste Beitrag kommt dann wieder ohne Fremdleistung aus, versprochen! 🙂

Audio eines Kollegen 2

Als ich jung war, habe ich die Anime-Szene ganz anders erlebt. Ich weiß, es belastet dich, aber du bist schon eine gewisse Größe für die; Muss man einfach mal anerkennen. Wenn du so wichtig bist – oder unwichtig -, dass die solche Debatten über deine Meinung halten, unabhängig davon, wer du bist und was du machst, dann kannst du dir auf die Schulter klopfen.

Ich habe mehr so das Gefühl, dass du die Queen B bist – die orientieren sich alle an dir, auch wenn du das gar nicht willst!

Wärst du so unbedeutend und unfähig, wie die behaupten, würde es niemanden jucken was du laberst. Dann würden die dich ignorieren und einfach ihr Ding machen. Man müsste sich gar nicht mit dir auseinandersetzen, wenn du egal wärst. Stattdessen geht es bei denen nur um dich, das ist unfassbar! 

Damit meine ich nicht, dass du ein Arsch bist oder sowas. Ich meine, die sind hart mit dir beschäftigt. Du bist offenbar gar nicht so unwichtig. Du hast da was zu melden! Die versuchen, dich schlecht zu machen. Aber wenn du so blöd und unwichtig wärst, dann müssten die das ja gar nicht machen. Dann würde deine Dummheit ja für sich sprechen und jeder könnte ganz von alleine sehen, wie unwichtig du bist. Dann müssten die dich gar nicht angreifen, verstehst du? 

Eigentlich bist du denen einfach überlegen! Lass dir das mal durch den Kopf gehen! Die erfinden Lügen über dich, beleidigen dich, verurteilen deine Auszeit – und eigentlich bist du derjenige, der die ganze Zeit da oben steht. Merkt man auch wieder an deinem Beitrag: Du sagst, wie die Lage ist und die Anime-Bubble stürzt sich drauf. Denen ist bewusst, wie sie sind und was sie machen. Sie fühlen sich zu der Gruppe aber zu sehr hingezogen, obwohl du eigentlich derjenige bist, zu dem sie wollen – das willst du aber nicht! Du willst die Position als deren Queen B gar nicht haben! 

Du bist wie eine Mottenlampe. Du leuchtest, die kommen an, wollen deine Aufmerksamkeit und werden brzzzt von der Lampe gegrillt. Deshalb wollen sie deine Aufmerksamkeit aus der Ferne erregen.

Ich habe mal ein paar der Leute gegoogelt, die über dich hergezogen sind. Ich finde selbst über [Name], [Name] und [Name] mehr, als über die. Es gibt Sprecher, die auch mal Queen Bs waren, aber den Schritt aus dieser Bubble raus geschafft haben. Die distanzieren sich davon, auch wenn sie noch Connections dahin haben, aber die werden sie irgendwann vergessen. Die erreichen was im Synchron und brauchen die Bestätigung dieser Bubble nicht mehr.

Wie so eine [Name] zum Beispiel – das ist ihr alles Latte mittlerweile, sie ist viel weiter, das ist Vergangenheit! Aber das checkt diese Anime-Bubble gar nicht, weil die sich alle gegenseitig auf der Stelle gefangen halten. Lass die reden, was sie wollen – meinst du später interessiert sich noch einer dafür? Das ist schon eine eigene, kleine Welt. Und wenn das die heutige Anime-Szene ist… hui, das ist hart. Das ist so ein ultrakleiner Kosmos, unter anderen Umständen hätte ich den Mist nie mitgekriegt.

Woher die Bewegung stammt

Ich kenne das von früher auch noch. Die Videospieler, die Animegucker – wir waren die Nerds. Wir durften auf dem Schulhof nicht mitspielen, weil die anderen uns “zu anders” fanden. Die gesellschaftlichen Regeln, die deren Zusammenhalt definierten, haben uns ausgeschlossen. Und wenn wir trotzdem versucht haben mitzumachen, hieß es “Angriff!” und wir wurden ordentlich verprügelt.

Also haben wir unseren eigenen Club gegründet. Wo wir nur die Videospieler und die Animegucker haben mitspielen lassen. Und wir haben Regeln gemacht, die uns Nerds willkommenheißen. Aber auch Regeln, die dafür sorgen, dass niemand, der kein Nerd ist, in unseren Club reinkommt. Und wenn einer trotzdem nicht locker lassen wollte hieß es “Attacke” und wir haben ihm oder ihr ordentlich zugesetzt.

Jetzt will ich den Bogen zur Anime-Bubble schlagen. Früher war die nicht so. Animes waren das einfach Synchronjobs für Zeichentrick wie jeder andere und die Kinder haben es einfach geliebt, im Fernsehen zuzuschauen! Da hatten wir keine Bubble, sondern maximal eine Szene. Da gab es auch keine Queen Bs und Hetze und Druck. Animes waren einfach da und es war schön 😍

Auf den Schulhöfen hat dieser Hype leider die missgünstigen Mobber inspiriert. Nicht weil an Animes etwas falsch ist! Beim Mobbing sucht man sich ein beliebiges Merkmal und nimmt das dann zum Vorwand, jemanden immer wieder zu ärgern. Das waren damals leider häufig die gehypeten Animes. Bei mir zum Beispiel war Pokémon der vorgebliche Aufhänger – bis ins Abitur.

Die Kinder, die aufgrund ihres Nischeninteresses Isolationserfahrungen machten, hatten nur selten das Glück, in ihrem lokalen Umfeld Gleichgesinnte zu finden, soziale Kontakte zu knüpfen und Sicherheit zu erlangen. Als dann zu meiner Zeit das Internet für Kinder erreichbar wurde, konnte man zielgerichtet nach Gleichgesinnten von überall suchen. Und wenn man Zeit in diesen Internet-Communities verbrachte, fühlte man sich nicht mehr alleine.

Musste man abgestempelt als Nerd in die Schule, ging man in der Realität durch das Feuer. Aber danach, Zuhause am PC, hatte man Zugang zu einer schönen Welt. Als dann später die Smartphones kamen, und man die “schöne Welt” immer dabei hatte, konnte man die Realität besser ausblenden und die Online-Freunde immer parat haben.

Ein, zwei Generationen später waren die Animegucker, die Videospieler und Pokémon-Fans alle miteinander verbunden und stark genug, nicht mehr als “die doofen Nerds” hingestellt und verprügelt zu werden. Wir haben unser eigenes Ding gemacht und waren nicht mehr auf die Bestätigung von da draußen angewiesen. Wir haben einander akzeptiert und uns Halt gegeben. Die Jugend von heute wächst schon damit auf, muss sich keine Communities mehr erkämpfen und sich gegen Mobber wehren. Im Internet liegt alles schon für sie bereit. Wer heute zum Beispiel als junger Mensch den Traum hat, Animes synchronisieren zu wollen, kommt mit einem Klick in die Anime-Bubble.

Die oben erwähnten kleinen Studios und Lizenznehmer sehen diese Bubble als Pool, aus dem sie neue, günstige Stimmen schöpfen können, und besetzen daraus ihre Produktionen. Und so entsteht das eingangs beschriebene Umfeld. Weil die Anime-Szene von früher heute mit Fandubbern, VTubern, E-Girls, UwU-Mädchen und Discord-Kittens besetzt wird, hat sich die Kultur des Kollegiums im diesem Fach drastisch verändert.

Leider hat die Anime-Bubble, die mit einer tollen Botschaft angetreten ist, den Punkt verschlafen, wo sie von einer Gegenbewegung selbst zu Mobbern geworden sind und andere bekämpfen.

Warum ein Austritt schwer ist

Aus der Anime-Bubble austreten heißt für junge Menschen ganz alleine den Blindflug in eine unbekannte Welt zu wagen, während die alte Community einen jagt – die Sprengung der eigenen Komfortzone und das Ablegen aller falschen Überzeugungen und des geglaubten Wissens.Um aus der Anime-Bubble raus zu kommen, muss man stark sein. Nicht nur verliert man dutzende Menschen, die man zuvor fälschlicherweise für “Freunde” gehalten hat, man macht sich diese Personen auch direkt zu Feinden. Denn wer aussteigt, gilt als Verräter:in und wird öffentlich fertig gemacht.

Das bricht nicht nur die Persönlichkeit, sondern macht auch Angst, dass diese öffentliche Schmierkampagne einer zukünftigen Karriere im Weg stehen könnte, wenn man von den Queen Bs für Animes praktisch geblacklistet wird. Es braucht also auch das Vertrauen in die fremde, unnahbare Synchronbranche und ihre erwachsenen, vernünftigen Akteure und das Wissen um die Sicherheit, dass Animes nur ein kleiner Teil am Rande davon sind und gemessen am Budget ein noch viel kleinerer, um dem Druck der Anime-Bubble standzuhalten.

Ich hatte in 2023 eine extrem tolle Schülerin, Sprecherin und Freundin kennengelernt, die aus der Anime-Bubble raus wollte. Ich habe sie gelehrt, professionalisiert und ihr Kontakte an die Hand gegeben. Um das in eine Karriere im echten Synchron zu verwandeln, musste sie sich nur noch von der Anime-Bubble trennen und war nach unserer letzten Begegnung fest entschlossen! …Doch sie ist dem Druck der Anime-Bubble erlegen, hat alles hingeworfen und sich wieder hörig in deren Reihe eingeordnet. Sie wird nie die Karriere kriegen, die sie verdient und die sie hätte haben können.

Es tut mir höllisch weh, dieses Talent und diese herzliche Freundin verloren zu haben. Und dann noch an diese Tümpel.Wenn Sie eine zweite Chance möchte, und diesmal wirklich durchzieht, ist sie aber jederzeit mit offenen Armen bei mir willkommen! 🙂 Ich kann euch allen nur dasselbe anbieten, und zwar meinen Beitrag zu leisten und Hilfestellung zu geben: Jede:r der da raus will, findet bei mir ein offenes Ohr und ich möchte mit Rat und Tat zur Seite stehen. Man muss aber den Mut, die Ausdauer und die Bereitschaft für eine über Jahre andauernde Entwicklung mitbringen. Das kann ich nicht übernehmen. Schreibt mir auf Instagram oder per Mail an Kontakt@theurich-media.de.

Ende.

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