Lee Strasberg – Wenn Innenleben zum Werkzeug wird

Lee Strasberg ist vermutlich der Name, der außerhalb von Schauspielschulen am bekanntesten ist. Method Acting, Actors Studio, große Filmrollen, extreme Intensität. Gleichzeitig ist kaum ein Ansatz so umstritten wie seiner. Für die einen steht er für radikale Wahrhaftigkeit, für die anderen für emotionale Selbstüberforderung. Auch hier hilft es, den Mythos etwas herunterzudrehen.

Strasberg interessiert sich weniger für die Welt der Figur oder für das, was zwischen zwei Menschen passiert. Sein Fokus liegt auf dem Inneren der spielenden Person. Auf dem, was bereits da ist. Gefühle, Erinnerungen, Erfahrungen.

Herkunft und Grundgedanke

Lee Strasberg arbeitete wie Meisner im Umfeld des Group Theatre und war stark von Stanislawski beeinflusst. Während Stanislawski jedoch zunehmend Abstand von autobiografischer Gefühlsarbeit nahm, ging Strasberg in die entgegengesetzte Richtung. Er konzentrierte sich auf das emotionale Gedächtnis. Seine Grundannahme ist klar: Glaubwürdiges Spiel entsteht nur dann, wenn echte innere Prozesse stattfinden. Gefühle sollen nicht dargestellt oder technisch erzeugt werden, sondern erinnert und erneut erlebt. Die eigene emotionale Wahrheit wird zum Rohmaterial der Rolle.

Erinnerung als Auslöser

Im Zentrum von Strasbergs Arbeit steht die bewusste Aktivierung persönlicher Erinnerungen. Situationen aus dem eigenen Leben werden genutzt, um emotionale Zustände hervorzurufen, die zur Rolle passen. Fiktion und Biografie überlagern sich. Dabei geht es nicht um Nacherzählen oder Nachspielen der Erinnerung, sondern um das Wiedererleben des Gefühlszustands. Die Rolle dient als Rahmen, innerhalb dessen sich diese Emotion entfalten kann.

Substitution und Nähe zur Rolle

Ein wichtiger Gedanke bei Strasberg ist die Substitution. Fiktive Figuren, Beziehungen oder Situationen werden mit realen Bezugspunkten aus dem eigenen Leben verknüpft. Die Rolle wird dadurch weniger abstrakt, näher, persönlicher. Das kann zu einer enormen Intensität führen. Gerade vor der Kamera wirkt dieses Spiel oft besonders dicht und unmittelbar. Der Preis dafür ist, dass die Grenze zwischen Figur und eigener Person durchlässiger wird.

Stärke und Risiko

Strasbergs Ansatz kann zu außergewöhnlich intensiven Momenten führen. Wenn er funktioniert, entsteht eine Präsenz, die sich kaum imitieren lässt. Das Spiel wirkt nicht gespielt, sondern erlebt. Gleichzeitig ist diese Arbeitsweise fordernd. Wer dauerhaft mit eigenen emotionalen Erinnerungen arbeitet, braucht Stabilität, Distanz und Selbstfürsorge. Ohne diese kann das Spiel überwältigend werden. Kontrolle, Wiederholbarkeit und technische Präzision geraten dann schnell in den Hintergrund.

Abgrenzung zu anderen Ansätzen

Im Vergleich zu Adler arbeitet Strasberg kaum analytisch. Kontext und Welt der Figur treten zurück. Im Vergleich zu Meisner steht nicht der Austausch im Moment im Vordergrund, sondern der innere Zustand der spielenden Person. Und im Unterschied zu Stanislawski wird Handlung weniger als Auslöser für Emotion verstanden, sondern Emotion als Motor des Spiels. Das macht Strasberg weder besser noch schlechter, aber deutlich spezieller.

Warum ich so nicht arbeiten will

Mit Strasberg und dem klassischen Method Acting arbeite ich bewusst nicht. Nicht, weil ich dessen Wirkung grundsätzlich infrage stelle, sondern weil die psychologischen Risiken in keinem sinnvollen Verhältnis zu den Zielen einer Nachwuchsförderung stehen.

Die gezielte Aktivierung persönlicher Erinnerungen kann sehr tief gehen und verlangt ein enges, dauerhaftes Vertrauensverhältnis sowie einen geschützten Raum, in dem aufgefangen, begleitet und notfalls auch gestoppt werden kann. Genau das ist in meiner Arbeit oft nicht gegeben – viele meiner Produktionen entstehen remote, über Distanz, ohne physischen Probenraum und ohne die Möglichkeit, Menschen nach einer emotionalen Öffnung unmittelbar aufzufangen.

Selbst wenn jemand überzeugt sagt, er oder sie halte Method Acting aus und wolle das unbedingt von mir lernen, ist das keine Garantie – gerade junge Menschen schätzen sich dabei oft falsch ein. Nach einer konkreten negativen Erfahrung habe ich entschieden, diese Bitten kategorisch auszuschlagen und dieses System grundsätzlich nicht mehr zu lehren.

Meine Verantwortung endet nicht beim künstlerischen Ergebnis. Ich arbeite mit Menschen! Deshalb setze ich auf Ansätze, die Spiel ermöglichen, ohne private Wunden zu instrumentalisieren. Glaubwürdigkeit darf fordern, aber sie darf nicht destabilisieren.

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